Im April 1959 fand eine Autorenkonferenz des Mitteldeutschen Verlages im Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld statt. Auf der Tagesordnung stand die Suche nach Wegen, Arbeiterklasse und Kunst zusammenzubringen. Im Ergebnis wurde gefordert, Künstler und Schriftsteller mögen in wichtigen Betrieben der DDR eine Arbeit aufnehmen und die Bedingungen kennenlernen, unter denen die Arbeiterklasse produziert. Daneben sollten sie selbige, zum Beispiel in Zirkeln schreibender Arbeiter, bei eigener Kunstproduktion unterstützen. Brigitte Reimann, glühende Verfechterin dieses Projekts, das unter dem Namen „Bitterfelder Weg“ berühmt wurde, zog 1960 mit ihrem zweiten Mann, dem Schriftsteller Siegfried Pitschmann, sozusagen auf dem Bitterfelder Weg gen Hoyerswerda, um im Kombinat Schwarze Pumpe zu arbeiten. Für dessen Arbeiter wurden in Hoyerswerda Wohnhäuser in industrieller Plattenbauweise errichtet. Die Einwohnerzahl vergrößerte sich von 7000 nach dem Zweiten Weltkrieg auf über 70.000 zum Ende der DDR.

Reimanns Hauptwerk, der Fragment gebliebene Roman Franziska Linkerhand, erschien erst 1974, ein Jahr nach ihrem Tod, in gekürzter oder zensierter Fassung, je nachdem, welche Position man hierzu heute vertreten mag. Es war die Zeit, in der viele Künstler eine Schönwetterphase nach dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker erhofften. Dass Franziska Linkerhand für DDR-Leser ein Kultbuch wurde, ist wahr, ich erinnere mich gut daran. Alle wussten, dass Hoyerswerda Pate gestanden hatte für die Kulisse des Romans. Die Heldin kommt nicht darüber hinweg, sich in ihrem Architektenberuf zur technischen Zeichnerin degradiert zu sehen und ein Konglomerat von Wohnhöhlen ohne urbane Zentren für Leichtigkeit und Lebenssinn zu planen. Andere Figuren weisen Lebensrisse auf, die vom politischen Straf(un)recht verursacht wurden oder auf Vergewaltigungen durch sowjetische Soldaten bei Kriegsende zurückzuführen waren. Hohe Selbstmordraten, exzessiver Konsum von Westfernsehen – all das hatte Reimann in den Roman hineingeschrieben, auch wenn 1974 davon oft nur Andeutungen übrig blieben. Diese wurden aber sehr wohl verstanden. Für die kleinen und sehr karierten Verhältnisse der DDR roch das nach Aufbruch.

Heute wird Brigitte Reimann vor allem mit dem Roman Franziska Linkerhand identifiziert. Jetzt ist ihr Briefwechsel mit ihren Geschwistern Ludwig, Ulrich und Dorothea erschienen, der just 1960 einsetzt, in jenem Jahr, in dem Reimann in ihre Schicksalsstadt Hoyerswerda zog. Dass der Bitterfelder in ihrem Fall auch ein äußerst bitterer Weg bis zu ihrem frühen Krebstod war, wiederum zwei Ehemänner und eine gewaltige Ernüchterung später, kann auch die Post vom schwarzen Schaf belegen.

Die Eltern leben in Burg bei Magdeburg; die älteren drei Kinder sind bereits aus dem Haus, nur Nesthäkchen Dorothea lebt noch daheim. In zuweilen aufgesetzt wirkendem, unbekümmertem Ton, der Banalitäten nicht auslässt – wie sollte er auch im familiären Austausch! –, wird hin und her geschrieben: über Ausbildung, Liebschaften, Mode, die Geburten von Kindern, Versorgungsprobleme, Geldknappheiten. Aber Bruder Ludwig geht im April 1960 mit Frau und neugeborenem Sohn in den Westen – ein Schlag für Brigitte, die glühend verteidigt, was in der DDR geschieht. Der Bruder antwortet ruhig und mit langen Pausen auf ihre Briefe und erklärt ihr, was ihn weggetrieben hat. Brigitte ist verletzt, stellt aber letztlich eine familiäre Loyalität, wie sie auch vom Vater beschworen wird, über die ideologischen Differenzen. Und diese familiäre Loyalität ist es wohl auch, die das Reimannsche Familienkonstrukt glaubhaft macht: Die wenigen beigesteuerten Tagebucheinträge sagen nichts anderes als die Briefe, wenn es darum geht, wie glücklich man zu Weihnachten wieder bei den Eltern gewesen sei und wie schön es doch sei, den Nichten und Neffen zusehen zu können.

Dass Brigitte Reimann exzessiv rauchte, große Mengen Alkohol trank und meist mehr als eine Männergeschichte zu verarbeiten hatte, wird nicht verheimlicht, aber nicht allen Geschwistern in gleicher Deutlichkeit mitgeteilt. Jedoch nehmen alle nahezu gleichermaßen begierig Anteil an ihrem Schreiben, stolz und kritikfähig, lesen jedes erschienene Stück, hören jedes Hörspiel. Spätestens mit dem Beginn ihrer Krankheit um 1968 besticht die große Aufrichtigkeit, Klugheit und Intelligenz, mit der sich die unterdessen nach Neubrandenburg umgezogene Autorin insbesondere mit ihrem nun Hamburger Bruder verständigt: über vergebliche Hoffnungen, verfemte Autoren und die endlich heruntergerissene Maske des Staatswesens DDR. Viele Jahre lang hatte er ihr Bücher und Schallplatten aus dem Westen verschafft, anfangs über die Adresse des Schriftstellerverbandes, um die Hürde der Postkontrolle zu überwinden, – während sie im Gegenzug Klassikerausgaben schickte …

Wenn das Bild stimmt, das die Herausgeberinnen Angela Drescher und Heide Hampel vermitteln, wuchs Brigitte Reimann wie ihre Geschwister in sicheren Bindungen auf. Das verschaffte ihr bei extrem exzessiver Lebensart trotz allem die Möglichkeit, sich bedingungslos familiär aufgehoben zu fühlen.

Inzwischen übersteigt die Zahl der Tagebuch- und Briefausgaben der Brigitte Reimann jene ihrer Bücher und Hörspiele. Ich möchte nicht verschweigen, dass ich beim Lesen der Geschwisterbriefe zuweilen erschrak und mich wie ein Voyeur fühlte. Mein kleines Glück mitFranziska Linkerhand hätte dieser Briefe nämlich nicht bedurft. Jedenfalls liegen meine eigenen ab sofort unter Verschluss.