Geschichtliches

Zur Geschichte und Entwicklung der Begegnungsstätte

Brigitte Reimann selbst war es, die den menschenverbindenden Gedanken von Begegnung und Kultur in Hoyerswerda lebte. Das Gespräch war ihr das liebste Medium der Vermittlung zwischen Meinungen, Standpunkten und einem konkreten Lebensbezug; immer gebunden an zwanglose Menschenliebe und Lebensfreude.

Das Jahr 2006 beschreibt Evelyn Kunis als spannend und aufregend. Der Hoyerswerdaer Kunstverein e.V. verwirklichte in jenen Tagen sein wohl ehrgeizigstes und nachhaltigstes Projekt. In einer Wohnung im Parterre der Brigitte-Reimann-Straße 8 entstand eine Begegnungsstätte, die ein Ort der Würdigung und des Lernens werden sollte. Angelehnt an die kulturhistorische Sonderstellung der Stadt, die aus dem avantgardistischen Bauboom im Hoyerswerda der 60er und 70er Jahre gründet, wird dieser Ort Bildungs- und Forschungsstätte sein für den Zusammenhang von Architektur und Städtebau mit der Lebenswirklichkeit der Menschen der Region. So notierte es der damalige Oberbürgermeister Horst-Dieter Brähmig am Tag der Eröffnung im ersten Eintrag des Gästebuches.

Alles hatte 2005 begonnen, als es dem Kunstverein mit tatkräftiger Unterstützung von Stadt und Wohnungsgesellschaft gelang, im selben Viertel der Stadt eine dem historischen Quartier der Autorin baugleiche Wohnung anzumieten. Im Wesentlichen war für die Begegnungsstätte ein Raum vorgesehen – ein leerer Raum, in dem lediglich eine einsam-traurige Stehlampe stand, als die Mitarbeiter das Refugium in Besitz nahmen. Doch dann kamen die Bücher und Unterlagen – in Koffern, Kisten und Wäschekörben nahm der freiheitsliebend-reimännische Charme ästhetischer Semantik den kahlen Raum ein. Und es war eine von allen beteiligten Freunden gefühlte Sternstunde, als Christine Neudeck, Bauingenieurin und aktives Mitglied der Vereins, originale Hellerau-Möbel ausfindig machte. Mit viel Liebe wurden diese und andere Eigenarten früherer Wohnkultur erhalten oder wiederhergestellt. So schreiten die Besucher auf originalen Bodenbelägen und bestaunen immer wieder die Lichtschalterkordeln, die das äußerst charmante Ergebnis eines damaligen Planungsfehlers waren. Die Ausstattung der Räume mit Alltagsgegenständen wie Sessel, Tisch, Schreibmaschine und Schreibtischlampe, aufgetan im Fundus des Schlosses, vermittelt einen intensiven Eindruck der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Schriftstellerin.

Die Einweihung am 16. März 2006 war Leben und Begegnung. Brigitte Reimann hätte sich wohl gefühlt in diesem Kreise von Schülern und Lehrern, Theaterleuten und Kommunalpolitikern, Einwohnern und Gästen.

Sie alle wurden am Morgen im Foucault-Gymnasium im Rahmen einer Aufführung der „Franziska Linkerhand“ in der Inszenierung der Neuen Bühne Senftenberg zusammengeführt. In einem langen Tross, erzählend geleitet vom Vorstandsvorsitzenden des Hoyerswerdaer Kunstvereins Martin Schmidt, ging es dann durch die Stadt zur Begegnungsstätte. Das Ensemble aus Senftenberg ließ am Eingang des Wohnhauses die vergangene Zeit noch einmal aufleben. Margitta Faßl enthüllte unter großem Medieninteresse das Hinweisschild der Begegnungsstätte.

Ein Höhepunkt der Eröffnung war die Übergabe einer prächtigen Uhr aus der Gründerzeit durch Irmgard Weinhofen, einer Brieffreundin Brigittes („Grüß Amsterdam.“). Die Uhr war ein Geschenk der Reimann an die ferne Freundin. Ihr satter Klang füllt die Räume und weiß spannende Grenzgängergeschichten zu illustrieren. Er ist Herzstück und Herzschlag des Gedenkens an die begnadete Erzählerin.

Am liebsten schlägt sie für die guten Seelen des Kulturarchivs, hier zu sehen in ihrer ersten Besetzung im Jahre 2007. (v.l.n.r.: Luisa Stötzel, Christa Wagner, Evelyn Kunis, Angela Marcinczak, Daniela Piltz, Evelyn Prüger, Martin Schmidt, Katrin Demczenko)

Der kulturelle Raum der Reimann-Straße 8 ist immer wieder gemeinsamer Ort des Gedenkens. Hier treffen die Freunde von damals auf die Anhänger von heute. Hier werden Erinnerung und Verantwortung weitergegeben, so z.B. von Irmgard Weinhofen an die Schauspielerin Ines Burdow. Ines Burdow konzipierte des innermonologisches Theaterstück „Die Unvollendete“, der das Ungeschriebene und Ungelebte der Reimann thematisiert.

Im Fokus steht aber auch immer wieder das gelebte Leben. So erzählen Bruder Ulrich Reimann und seine Frau, hier bei einem Besuch in der Begegnungsstätte, immer wieder gern von ihren Erlebnissen mit der Schwester und Schwägerin.

Doch egal worum es in diesen Räumen geht, intensiv sind die Gespräche immer.

Angela Potowski im Gespräch mit Prof. Dr. Lauter.)

Eine 9. Klasse der ersten Mittelschule Hoyerswerda im Vorbereitungsgespräch zum ersten Brigitte-Reimann-Wettbewerb „Briefe an Franziska Linkerhand“

Regelmäßige Exkursionen führen den Freundeskreis zu den Lebensräumen, aber auch zur Grabstätte der Schriftstellerin. Sie wurde nach ihrem frühen Tod im Januar 1973 neben ihren Eltern in Oranienbaum beigesetzt.

Immerwährendes Anliegen der Reimann-Anhänger ist es, das Andenken der Autorin und vor allem das Interesse an ihrem Werk wach zu rütteln und wach zu halten. So ziehen sie seit 2003 mit der Wanderausstellung „Brigitte Reimann 1933-1973“ durch die deutschen Lande, besuchen Schulen und Universitäten, Galerien und Bibliotheken. Ziel sind dabei immer literarische und philosophische, geschichtliche und aktuell-politische Gespräche.

Schauspielerin Martina Gedeck, Regisseur Marcus Imboden und Angela Drescher vom Aufbau Verlag und Martin Schmidt während der Ausstellungseröffnung

Seit ihrem Bestehen ist die Begegnungsstätte fester Programmpunkt und manchmal auch Schlechtwetterasyl der regelmäßigen Brigitte-Reimann-Spaziergänge. Sie führen seit vielen Jahren interessierte Einwohner und ihre Gäste aus aller Welt auf reimännischen und linkerhändischen Pfaden durch Hoyerswerda.

„war denn sonntags immer der Himmel grau [...]“ („Franziska Linkerhand“, Verlag Neues Leben, Berlin 1974, S. 248)

Die Begegnungsstätte versteht sich auch als archivarer Ort für die Themen der Hoyerswerdaer Kultur- und Architekturgeschichte. Den Vereinsmitgliedern sind die Gespräche über die früheren und heutigen Bauprozesse der Stadt in all ihren ambivalenten Fassetten Herzensangelegenheit. Dazu gehört auch die Erinnerung an die tragenden Persönlichkeiten des städtbaulich-avantgardistischen Leitbildes, wie den bekannten Gropius-Schüler Richard Paulick. So wird der Reimann-Spaziergang immer auch ein Stadtrundgang. Die Vereinsmitglieder, im Bild der pensionierte Planungsingenieur Gerhard Schlegel, erzählen von den architektur- und kulturhistorischen Entwicklungen und den derzeitigen Herausforderungen des Bevölkerungsrückgangs. Es wird nach Perspektiven gesucht für die Vermarktung der kleinstädtischen Seenluft.

Am besten zu sehen ist der gewaltige Umbau der Stadt von hoch oben. Der Lausitz-Tower bietet besten Ausblick und Gelegenheit zur Fachsimpelei.

… und manchmal scheint eben doch die Sonne. Dann ist die Freude umso größer, Angela Potowski bei ihrer einfühlenden Lesung von Auszügen aus dem wichtigsten Roman der Brigitte Reimann, der „Franziska Linkerhand“ zuzuhören.

Wer von den Besuchern des Spaziergangs sich noch lange erinnern mag und einen bildhaften Eindruck der vorgestellten Schauplätze haben möchte, der kann die kleine Broschüre „Brigitte Reimann – Spaziergang durch Hoyerswerda“ mit nach Haus nehmen.

Besuchen auch Sie uns. Wir freuen uns auf Sie.

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